24 Stunden im Vangölü-Ekspress

24 Stunden im Vangölü-Ekspress

Wir wollen Zugfahren. Busse hatten wir genug auf unserer Reise, Flugzeuge auch schon zu viele. Dafür verbringen wir auch mal fünf Tage im östlichsten Anatolien, Kurdistan, in Van, kurz hinter der iranischen Grenze, denn der nächste Zug fährt erst wieder am Dienstag.
In Van verbringen wir die Zeit mit Touren an und um den Van-See, der immerhin 7mal größer als der Bodensee und von verschneiten Bergen umgeben ist.

Wir wundern uns über das fehlende Strand- und Uferleben, über die Unmenge an guten Cafés und vertrauten Straßenbildern in dieser Stadt, in der wir uns deutlich eher in Berlin fühlen als in unserer Klischee-Vorstellung von „Südost-Anatolien“.
Es bestätigt sich unsere im Iran erlangte Erkenntnis „Geben ist kurdischer als Nehmen“ – und das ist nicht eine theoretische Idee, sondern tief verinnerlichte Selbstverständlichkeit.

Dienstag 7:00 Uhr am Bahnhof in Tatvan, von wo der Zug nach Ankara startet.


Mit uns steigen ca. 5 andere Reisende in den 10 Waggons langen, modernen Zug. Wir haben ein Schlafwagen-Abteil mit zwei Betten gebucht, Gesamtkosten für die 24 Stunden-Fahrt: knapp 40 € für uns beide zusammen. Im Abteil zwei große Sitze, ein kleines Waschbecken, ein kleiner Kühlschrank und ein großer ausziehbarer Tisch, alles modern und in gutem Zustand.
Yussef bringt uns ein großes Frühstück, mit Käse und Oliven, aber auch Honig und Nutella und selbstvertändlich Tee. Er spricht 10 Worte Englisch, fünfmal mehr als wir Türkisch – ausreichend für eine große gegenseitige Liebe. Fortan hören wir stündlich zwei bis dreimal: „Simon, my friend“.

Er bringt uns Kekse.
Er bringt uns Tee.
Er bringt uns Schokolade.
Er bringt uns Tee.
Er bezieht unsere Betten.
Es ist jetzt 9:00 Uhr morgens.
Er fragt ob wir schlafen wollen, dann würde er jetzt unsere Betten ausklappen – Nein.
Er bringt uns Tee.
Er bringt uns 8 türkische Zeitungen.
… das mit dem Tee lass ich jetzt mal aus literarischen Gründen weg.
Er bringt uns einen Apfel.
Er fragt ob wir jetzt schlafen wollen – Nein
Er fragt ob alles in Ordnung ist.
Er sagt, bald halten wir in Elazig, da steigen ein paar türkische Leute aus und rennen schnell zum Supermarkt. Wenn ich ein  Bier oder Wein will, könnte ich mitrennen.
Ich will (erster Alkohol seit fast sechs Wochen).

In Elazig schüttet es und gewittert, niemand verlässt den Zug. Yussef ist bedrückt, aber auch froh, dass ich nicht alleine gehe.
Wir fahren lange durch ein nettes Tal, auf der anderen Talseite in der Höhe erkennt man den Bau einer neuen Eisenbahn-Trasse. Viele Kilometer später sehen wir die noch ganz junge riesige Baustelle der Staumauer. Bisher ist gerade mal der Boden mit den ersten riesigen Röhren zu erkennen. Wir fahren noch im Becken, das in ein paar Jahren tief unter der Wasseroberfläche liegen wird. Seltsames Gefühl.


13:00 Uhr.
Zum Mittagessen wollen wir ins Bordrestaurant, zwei Wägen weiter. Yussef sagt, das ginge gerade nicht, das Personal schläft. 10 Minuten später holt er uns, das Personal ist jetzt wach. Das Personal ist ein junger Mann, er ist alleine für das ganze Bordrestaurant zuständig. Geht aber gut, wir sind die einzigen Gäste im großen Wagen. Er ist stolz, dass das Restaurant von einer italienischen Firma geführt wird. Wir können zwischen drei Mikrowelle-Gerichten wählen. Es schmeckt trotzdem. Wir nehmen zwei eingeschweißte Brötchen für den späteren Kaffee mit ins Abteil.

Yussef fragt, ob wir nun schlafen wollen – Nein.
Er sieht unsere verpackten Brötchen, nimmt sie sich und packt sie aus. Wir sind irritiert. Er öffnet das Fenster und schmeißt beide hinaus. Hä? „one minute, one minute“.
Er kommt wieder und gibt uns frisch gebackenes Fladenbrot. Das ist schließlich viel besser als die eingepackten Brötchen.
Yussef bringt uns ein neues Geschenk. Diesmal: Eine Großpackung Papierhandtücher, mit denen die Papier-Spender der Toiletten befüllt werden. Wir nehmen uns eines der Tücher, aber er besteht darauf, dass wir die ganze Großpackung behalten, die ist auch gut für Istanbul und erst recht für unsere Fahrrad-Tour.
Unser Nachbar klopft und besteht darauf, dass wir seine Tüte mit Obst nehmen, er habe viel zu viel davon: frisch gepflückte, grüne Früchte, saftig und lecker. Er ist Ingenieur mit Flugangst, liebt Deutschland und Hitler.

Das Militär kommt uns in Form dreier junger bewaffneter Soldaten zu Hilfe, beordert ihn in sein Abteil zurück und durchsucht unser gesamtes Gepäck. Finden alles interessant und lassen ihre großen Gewehre netterweise auf dem Rücken.
Youssef fragt, ob wir schlafen wollen …
Die Landschaft wechselt zwischen unglaublicher Weite, so dass wir immerzu nur denken können „so viel Landschaft“, restschneebedeckten Bergen, engen Schluchten und versprenkelten kleinen Weilern.
Und Mohnblumen und Mohnblumen und dann wieder schöne leuchtend rote Mohnblumen. Ein Tag in Grün und Rot und Rotbraun, der gemächlich an unserem Fenster vorbeizieht.

Mittlerweile ist es 22:30Uhr. Wir würden gerne schlafen, können aber die Betten nicht ausklappen. Von Yussef keine Spur. Das Personal schläft jetzt.

There are 3 comments for this article
  1. Renate Oswald at 7:55 am

    Echt spannend eure Bahnreise. Aber wo sind die anderen Fahrgäste? So gut wie niemand im Speisewagen und auch sonst zu sehen.
    Ist der Van See vergiftet, oder sonst irgendwie kontanimiert, dass keiner darin baden will?
    Habe eine what´s ap gesandt, mit Vorschlag zur Rückreisegestaltung. Maman

  2. Nina at 2:23 pm

    Ihr Lieben, ich komme ja nicht oft zum Lesen Eurer Eintragungen, aber gestern habe ich mir mal die Zeit genommen, vor allem weil ich wissen wollte, wo Ihr Euch denn gerade rumtreibt und fand es mega spannend und erfrischend und lehrreich!!! Danke für Eure Berichte und habt noch eine gute Zeit!!!
    Umarmung
    Nina

  3. behrouz at 11:16 pm

    Hallo Simon und stefani
    freut mich das es euch gut geht
    weiter bleib gesund und munter
    vor warts immer ruck farts nima
    viele grossen .
    behrouz aus Tabriz …
    kandovan ……

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