Begegnung: Sanja und Lucky

Begegnung: Sanja und Lucky

Wir treffen die beiden an einem Samstag Mittag ca. 200 km vor Belgrad in einem verschlafenen Dörfchen wo wir alle auf Suche nach Brot oder sonstigem Essbaren sind. Da das Brot im Laden vorbestellt ist, und es sonst praktisch nix gibt, trinken wir zusammen ein Bier, in einer dieser Bars (?), in der es nur Wasser und Bier gibt.
Sie wohnen in Belgrad und sind mit ihrem Wohnmobil über das Wochenende losgezogen, hier auf einen der wenigen Campingplätze nahe der Donau. Sie sind viel unterwegs, viel in Serbien und viel in Europa, genießen die Natur und die Begegnungen mit Fremden. Lucky ist in Rottweil aufgewachsen und arbeitet für eine deutsche Firma, ist hier der General-Vertreter für ganz Süd-Ost- Europa. Er spricht demnach fließend deutsch. „Da habe ich mir einen Traum erfüllt. Ich arbeite für ein deutsches Unternehmen, mit deutschem Gehalt und wohne hier in Belgrad und darf die ganze Zeit im Balkan reisen.“ Sanjas Vater war Journalist und als Auslandskorrespondent hat die Familie in Ägypten und Israel gelebt und Sanja ist dort zur Schule gegangen. Sie spricht fließend Englisch und arbeitet für die nationale Energie-Agentur in der Personalabteilung.
Die beiden lachen gern und offen und haben miteinander einen so netten, gleichberechtigt wertschätzenden Umgang, dass wir uns sehr wohl mit ihnen fühlen – und das nicht nur, weil ein Bier mittags um eins bei großer Hitze als emotionaler Katalysator wirkt.
Sie laden uns ein, die Tage in Belgrad bei ihnen zu wohnen, und nachdem wir das nicht annehmen, doch zumindest einen gemeinsamen Abend miteinander zu verbringen.
So treffen wir sie am Montag Nachmittag in der Belgrader Innenstadt und bekommen eine wunderbare, persönliche Stadtführung mit anschließend tollem Essen am Donau-Ufer.

„Serbien ist wirklich ein armes Land. Die ganzen guten Häuser, die ihr an den Straßen seht – das sind alles Leute die in Österreich, Deutschland oder der Schweiz arbeiten oder Familie dort haben. Habt ihr nicht die ganzen Autos mit österreichischen Kennzeichen gesehen – das sind alles Serben, keine Österreicher.
Der Kellner hier verdient 150 Euro im Monat, in anderen Berufen bekommst Du vielleicht 300 Euro. Das reicht wirklich kaum zum Leben. Aber in Belgrad lieben die Leute das Leben und das Feiern. Auch wenn Du wirklich kein Geld hast – zum Ausgehen reicht es dann doch immer. Wie das funktioniert? Wissen wir nicht, es ist ein Wunder. Und wie die Kids die ganzen teuren Handys finanzieren können? Das verstehen wir auch nicht.
Unser Sohn Dimitri studiert in Würzburg Wirtschaftswissenschaften. Das hat er nach seinem Schulabschluss selber entschieden, einen Sprachkurs und die Prüfung beim Goethe-Institut gemacht und nun in vier Jahren das Studium geschafft. Für mich (Sanja) war das am Anfang ganz schrecklich – was will er denn da in Würzburg? Aber jetzt bin ich sehr stolz auf ihn, er ist wirklich ein heller Kopf. Er kann dir zeigen wie man Vollkornbrot bäckt, erklärt Dir peruanische Frühgeschichte oder löst komplexe mathematische Probleme. Auch deshalb ist er nach Deutschland gegangen, weil er weitere Herausforderungen und Gleichgesinnte suchte. Seine Freunde kommen uns jetzt noch gelegentlich besuchen und wir trinken ein Bier zusammen. Das haben sie früher immer gemacht, weil wir ihnen gesagt haben: trinkt nicht wild in den Parks, das ist gefährlich, hier bei uns gibt es immer ein Bier für euch im Kühlschrank. Ich habe ihm geraten im Bereich „Erneuerbare Energien“ einen Job zu suchen, das wird hier auch irgendwann mehr kommen und dann wäre er gut vorbereitet.
Unsere Tochter Sophia hat gerade ihren Schulabschluss gemacht, jetzt am Samstag ist die Abschlussfeier. Sie hat schon gesagt: ‚So leicht wie Dimitri werdet ihr mich nicht los. Ich bleib noch bei euch.‘ Sie will hier in Belgrad studieren und könnte sogar in unserer zweiten Wohnung wohnen. Will sie aber gerade noch nicht. Schrecklich, oder?“ – lachen

„Schaut, das hier ist die Kirche unserer Familienheiligen – die heilige Peitka. Da wurden unsere Kinder getauft. Das Wasser hilft und beruhigt. Sanja kommt aus einer atheistischen, kommunistischen Familie, die viel in der Welt unterwegs war. Sie haben auch christliche Rituale gepflegt, diese aber nie thematisiert. Ich komme aus einer traditionellen Familie, in der die serbisch-orthdoxe Religion wichtig ist. Aber wir gehen Sonntags auch nicht in die Kirche oder so.“
„Als wir vor ein paar Jahren in Kroatien am Strand waren spielten die Kinder mit einem anderen kleinen Jungen. Dieser fragte irgendwann, woher wir kommen und als wir sagten aus Belgrad, da fragte er, ob das in Serbien ist. Und als wir sagten „Ja“, da ging er und meinte, er dürfe nicht mit Serben reden.“
„In Würzburg waren wir mit Dimitri auf einem Bierfest. Da merkten wir, dass uns ein Paar aus den Augenwinkeln beobachtet. Wir fragten sie in unserer Sprache, ob sie auch „serbokroatisch“ sprechen. Sie antworteten, das käme darauf an. Wir fragten ‚auf was‘? Und sie sagten, ob ihr Serben oder Kroaten seid. Und das meinten sie ernst! Wir sprechen die gleiche Sprache, und sind in Würzburg auf einem Bierfest und sie wollen nicht mit uns reden– schlimm, oder? Inzwischen sind es gute Freunde von uns, wir sind oft bei ihnen in Kroatien oder sie bei uns in Belgrad, aber zuerst wollten sie nichts mit uns Serben zu tun haben.
Wir haben viele kroatische Bekannte und Freunde. Aber in Kroatien gibt es einfach auch viele Faschisten, und diese sind nach wie vor sehr präsent. Im zweiten Weltkrieg gab es ein Vernichtungslager in Kroatien, das KZ Jasenovac. Da hat die Ustascha, das sind die kroatischen Faschisten, systematisch Serben umgebracht. Die Deutschen waren da nicht mal dran beteiligt. Es gab darin eigene Kinder-Konzentrationslager – so was Perverses gab es nicht mal unter den Nazis. Die Anzahl der Opfer ist umstritten, waren es 100.000 oder 1 Millionen? Vornehmlich Frauen und Kinder – nur weil sie Serben waren. Mein Großvater und ein Onkel von mir (Sanja) wurden da auch abgeschlachtet.
Was das so schwierig macht: Ihr Deutschen habt aus der Geschichte gelernt und versucht aufzuarbeiten was passiert ist; und auch wir Serben tragen eine Last mit dem, was das Milosevic-Regime hier in der Region angerichtet hat. Aber die kroatischen Faschisten, und das sind viele – die sagen immer noch: das war richtig so und wir haben keine Schuld. Und das hat natürlich auch zu den Spannungen und dann zum Krieg in den Neunziger Jahren beigetragen. Vor ein paar Jahren wurde ganz in der Nähe von Jasenovac eine Gedenktafel für gefallene kroatische Soldaten angebracht – mit dem Faschisten-Gruß „Für die Heimat – Bereit“! Stellt Euch das mal vor: Das ist wie der Hitler-Gruß direkt neben der Auschwitz-Gedenkstätte. Der Gruß ist zwar offiziell in Kroatien verboten, aber die Tafel steht da immer noch. Von Seiten der EU gab und gibt es keinerlei Reaktion. Das finde ich erbärmlich, dass so etwas auf europäischem Boden möglich ist.“
„Hier im Fernsehen laufen vor allem Verdummungsserien. Oder es gibt Reportagen darüber, dass neue Müllcontainer aufgestellt wurden oder auf einer Brücke ein Fußgängerweg eröffnet wurde, der der Modernste in ganz Europa ist. Das ist so lächerlich. Aber die vielen wenig gebildeten Leute hier, die denken so natürlich wirklich: ‚wir leben in einem so modernen und gut funktionierendem Staat‘, denn über Kritisches wird nicht berichtet.
Vor kurzem hörte ich im Fernsehen einen Politiker sagen ‚Wir tun natürlich alles, um einen Krieg mit Kroatien zu vermeiden‘. Ich dachte ich höre nicht recht, hab‘ ich was verpasst? Aber Lucky sagt, der redet nur Bullshit und bedient das alte Muster: Beschwöre einen Feind von außen, und präsentiere dich als Retter – so funktioniert das doch immer wieder.
Schaut mal hier: Da stand das Innenministerium, das wurde bei der Bombardierung Belgrads 1999 zerstört und dort, da war das Verteidigungsministerium, das wurde auch 1999 von der Nato zerstört. Das waren schwere Zeiten damals, während des Krieges und mit den Sanktionen.
Aber was soll`s: Wir wissen, dass man nie Nationen über einen Kamm scheren darf, dass man sich immer den einzelnen Menschen ansehe muss und dass es davon überall auf der Welt mehr gute als schlechte gibt. Und das haben wir auch unseren Kindern beigebracht. Und jetzt trinken wir noch einen Wein.“

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  1. Rolf Oswald at 3:57 pm

    Hallo Simon,
    euer Gespräch mit Sanja und Lucky war ja sehr interessant und brachte uns viel Neues. Wir erinnern uns schon an frühe Aufenthalte in Kroatien, z.B.in Dubrovnik im Frühjahr 1969, bevor Du Simon, geboren wurdest. Dann war ich ja einmal mit Dir und Oliver Kliegl in Makarska in den Sommerferien und einmal war wir 4 nach dem Dolomiten Höhenweg 2 noch eine zeitlang in Istrien am Meer in Porec.. In Dubrovnik hatte Rolf sogar das Büro der kommunistischen Partei aufgesucht und ließ sich über Kommunismus und Mitbestimmung der Arbeiter informieren.
    Damals wurde uns schon erklärt dass Jugoslawien in seiner jetzigen Form nicht weiter bestehen würde, wenn Tito nicht mehr existent sei. Dies alles hat sich ja dann auch sehr schnell bewahrheitet und die Bruderkriege flammten auf. Bei uns hat auch dann niemand interveniert als es hieß, dass Kroatien von unserer Regierung anerkannt wurde- doch später waren viele, wie auch wir der Meinung, dass dies alles viel zu schnell erfolgte. Wir wußten damals wie auch heute viel zu wenig über die Situation in diesem Gebiet; Serbien mit seinen Führern Karaczic , Milosevic u. andern galten hier als die grausamen Aggressoren. In der Wörishofener 49 blieben die einzelnen Mietparteien , trotz unterschiedlicher Herkunft, friedlich untereinander. MaPa

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