Bis an die Grenzen – Zur Quelle des Rio Magdalena

Bis an die Grenzen – Zur Quelle des Rio Magdalena

Im Macizo de Colombia (dem „Massiv von Kolumbien“?) laufen die drei großen Gebirgsketten, die Cordilleres zusammen. Hier befindet sich das archäologische, indigen-identitätsstiftende Zentrum des Landes, da die Völker vor mehr als 3000 Jahren die großen Flüsse hinaufzogen. Und hier im Quellgebiet fast aller großen Wasserströme trafen sie sich und ihre Götter, tauschten sich aus und hierließen monumentale Figuren und mystische Gräber.

Als uns klar wird, dass sich die Quelle des Rio Magdalena, dem wir nun so oft begegnet sind, hier in der Nähe befindet, bekommen wir Expeditionslust. Auf meinen Onlinekarten (andere Land- oder Wanderkarten gibt es hier leider nicht)  sind keinerlei Wege, nicht mal die Quelle zu finden.
„Ja, zur Quelle kann man kommen. Der Fluss entspringt in einer Lagune. Das ist eine Drei-Tages-Tour mit Pferd, aber sehr schwierig“ sagt der Führer im Archäologischen Park.
„Ja, Freunde von mir waren schon mal bei der Lagune. Aber sie waren zu laut und haben Musik gehört. Da hat die Lagune sofort Nebel aufkommen lassen und die Freunde konnten sich nicht mehr orientieren. Die Lagune ist sehr empfindlich“ sagt die Bedienung im Café.
„Ja, ich bringe euch zur Lagune. Auch zu Fuß“ sagt der Führer Duver, den wir irgendwann hier in San Agustín finden. „Kein Problem. Kauft euch Gummistiefel …  Doch, in denen kann man auch gut 2000 Höhen-Meter aufsteigen … O.k. wenn Ihr gute andere Bergschuhe habt, könnt Ihr die auch nehmen, aber Gummistifel sind besser, die kann man schneller wieder ausleeren, wenn sie voll Wasser sind. Kein Problem. Eure Regenjacken bringen nix, ich nehm‘ euch „Carpas“ (Gummi-Ponchos) mit. Wir beginnen auf 2.000 m Höhe, steigen am ersten Tag auf 2.600 m auf und dann zur Lagune auf 3.600 m und wieder runter. Wir treffen uns morgen früh um 6 Uhr an der Ecke, da fährt ein Bus ab zum Ausgangspunkt in Quinchana“.
Um 7:00 Uhr kommt dann der „Bus“, ein Geländewagen mit überdachter Ladefläche, der uns an das gefühlte Ende der Welt fährt. In Quinchana endet die steinig-schlammige Holperpiste, ein paar Häuschen mit Kirche, auf keiner Karte mehr zu finden – wer lebt hier, und wie? Wir wandern los, umgeben von steil aufragenden Wänden geht es über 1.000 Höhenmeter auf und 500 wieder runter in die Schluchten des Rio Magdalena und anderer Flüsse. Zu Beginn sind die Hänge zum Teil noch bewirtschaftet, später wird alles so steil und ist so abgelegen, dass es nur noch wuchernd puren Urwald gibt. Vertikale Wälder umgeben uns – die Wände sind oft senkrecht und dabei bewachsen, wie wir es aus den Tropenhäusern der Zoos kennen.

Jeder Baum beherbergt einen Kosmos an weiteren Pflanzen, voller guter und bösartiger Parasiten, alles voller Farne, Riesenblätter, Schlingpflanzen, Bromelien … und kein Baum gleicht dem nächsten. Ich kann es nicht mit den Augen erfassen, ich kann es nicht beschreiben, ich könnte es niemals malen.

Am frühen Abend erreichen wir die „Hospedaje El Cedro“ auf ca. 2300 Metern. Eine einfachste Unterkunft aus Holz, keinerlei Strom, Wasser aus dem Fluss. Die Señora, Doña Mari lebt dort mit ihrer Tochter, sie haben ein paar Pferde, Hühner und bauen etwas Gemüse an, und alle paar Wochen kommen mal Leute, die zur Lagune wollen. Alle zwei Wochen geht sie mit den Pferden runter nach Quinchana (sie ist flotter als wir und braucht nur 4-5 Stunden) und nimmt dann den Bus nach San Augustin für Einkäufe. Was für ein Leben …

Gerade ist außer uns noch ihr Sohn mit ein paar Freunden aus San Agustín da, die die gleiche Tour wie wir vorhaben. Wir teilen uns mit ihnen 2 Hühner, die gerade noch vor mir rum gackern.Zum Abend wird damit eine Suppe gekocht und das Huhn grob zerschnitten. Gegessen wird dann alles, bis auch die letzten Hühnerfüße ausgelutscht und abgenagt sind.  Um 19 Uhr ist es dunkel, dann geht’s eben ins Bett.
Über die Länge der Tour am nächsten Tag herrscht Unklarheit (auf einem Schild lesen wir „18 km bis zur Lagune“; das wären 36km Hin- und Rückweg!), bei ebenso unklaren Höhen-Angaben (Laguna de Magdalena, laut Wikipedia 3.850m Höhe, laut Duver 3600m ??), also mindestens 1.300 Meter Auf- und Abstieg. Wir werden nervös und sind unsicher ob und wie wir das an einem Tag schaffen, da Steffis Sprunggelenk nach einer Bänderdehnung immer mal wieder Probleme macht,
Die Lösung: Doña Mari gibt uns eines ihrer Pferde mit.

Die Tour wird eine unserer größten körperlichen Herausforderungen. Wir steigen 5 Stunden ohne Pause hindurch auf. 1300 Meter Aufstieg sind viel, aber das an sich wäre nicht das Problem. Die Länge der Strecke (es werden dann ca. 25km sein) ist auch ok, aber mit dem Auf- und ebensolchem Abstieg ist es dann doch schon ganz ordentlich. So richtig zu schaffen macht uns dann aber der Weg an sich. Es gibt auf dem ganzen Weg keine 10 Meter, die man mal einfach so gemütlich laufen könnte. Ein großer Teil des Weges geht durch Schlammlöcher, Matsch und Bäche.

Es ist ein einziges Tanzen über Steine, Bretter, Wurzeln, oder Suchen nach Stellen an denen man nicht knietief versinkt. Und das tun wir immer wieder. Warum haben wir in unserer Ausrüstungs-Überheblichkeit nicht einfach auf Duver gehört und uns Gummi-Stiefel gekauft, sondern auf unsere hier wirklich nicht hilfreichen Bergstiefel vertraut? Während der Steigungen gibt es zum Glück keine Schlamm- und Wasserlöcher. Dafür große Steine und Felsen, die an sich super wären … wenn nicht alles so super nass und glitschig wäre. Steffi rutscht und knickt mit dem verbundenen Fuß um, die Stimmung ist nicht mehr ganz so gut wie an unserer Hochzeit… zum Glück haben wir das Pferd dabei und zu unseren Rucksäcken steigt Steffi nun auf einigen Passagen auf, um reitend den Fuß zu entlasten.
Als wir um die Mittagszeit den Aussichtspunkt über der Lagune erreichen sind die Kolumbianer schon eine halbe Stunde dort, mit uns kommt der Nebel, die Wolken … wie immer wenn Menschen kommen und der Lagune kein Respekt zeigen, und weil wir innerlich wirklich angespannt und auch etwas von unserm Guide genervt sind lässt die Lagune es auch noch regnen. Es ist bitter kalt, da holt Duver die zwei Carpas für uns aus dem Gepäck und die sind die Rettung für unser Überleben, oder zumindest für unsere Stimmung („kein Problem“). Wir teilen uns alle das zweite Huhn, das Dona Mari uns am Morgen mit Reis und Kartoffeln eingepackt hat und beginnen kaum einer Stunde Pause den Rückweg, der wieder fast genau so lange dauert.


Die Carpas sind ein Segen: sie schützen vor dem Wasser von oben und den nassen Pflanzen, durch die wir die ganze Zeit streichen und halten zumindest beim Laufen einigermaßen warm. Mit so viel Wasser von allen Seiten wären unsere teuren Super-Funktions-Outdooklamotten vollkommen überfordert. Alle Wasser – und Schlammlöcher (20 Meter lang) sind nun noch voller … wir lassen alle Hemmungen fallen und laufen einfach mitten durch, das Suchen nach Tritten aus Wurzeln oder Steinen ist einfach zu aufwändig.


Die Rückkehr zur Hütte nach 10 Stunden fast durchgehenden Laufens ist ein Segen. Plötzlich wandelt sich dieses ärmlich wirkende, abgelegene Haus in das Versprechen eines leckeren Kaffes am wärmenden Holzofen bei offenem Feuer, mit frisch ausgebackenen Weizen-Arepas, einer Matratze zum Liegen und sofort einschlafen … wieder zurück im Leben und unglaublich stolz und jetzt auch begeistert von der Tour.

Von den Kolumbianern ist nix zu sehen. Sie waren eine Stunde vor uns an der Hütte und sind noch weiter abgestiegen, nochmal 5 Stunden … verrückt. Vor allem, da zwei von Ihnen schon oben am Berg Knie-Probleme hatten. Sie müssen bis tief in die Nacht gewandert sein. Am nächsten Tag erfahren wir, dass einer so erschöpft war, dass sie ihn im Wald an einer Brücke zurücklassen mussten… Wir sind geschockt, aber auch beeindruckt, wie andere Leute so eine Tour angehen. Härter, schneller, bis an die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit, ohne die Sicherheitspolster, die wir für so eine Tour immer mit einbauen. Wenn es nicht weiter geht – na dann schläft man halt mal eine Nacht im Wald – „kein Problem“.

Wir dagegen kommen am nächsten Tag nach erneuten fünf Stunden Ab-, Auf- und wieder Abstieg superpünktlich (zwei Stunden vor Abfahrt des Jeeps), dreckig und erschöpft wieder in Quinchana an. Gleich im ersten Haus winkt uns eine alte Frau auf ihre Veranda. Wir sitzen auf der Bank vor ihrer Hütte, hören ihre Geschichte, trinken eine Limonada und sind tief beeindruckt von den Tagen.

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  1. Rolf Oswald at 7:05 am

    Glückwunsch, dass Ihr diese „Wander“Strapazen wohl einigermaßen unbeschadet überstanden habt. Die Naturbeschreibung hört sich ja toll an. – Aber was war nun mit dem eigentlichen Ziel, der Lagune ?? Nur Nebel? Man hat den Eindruck, wie so oft bei Wanderungen, der Weg war das Ziel. Wie hat Euch der Führer genervt?

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